Tel Aviv und das Bauhaus pflegen eine intensive Beziehung. Die Architektur- und Designschule prägte nach dem Ersten Weltkrieg das Gesicht der Moderne. In Tel Aviv entstand in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts ein eigenes Stadtquartier. Heute sind die spannenden Bauten wiederzuentdecken.

Das Bauhaus wird 100. Im nächsten Jahr gilt es, eine der stilbildenden Architekturschulen der Moderne zu feiern. 2019 erlebt das Bauhaus in der Kunstschule durch Walter Gropius seine Auferstehung. Die Ausstrahlung ist weltweit und nicht nur auf Deutschland beschränkt. Weniger bekannt ist, dass die weltweit grösste Sammlung an Bauhaus-Gebäuden sich in Tel Aviv in Israel befindet. Ab den 1930er-Jahren errichteten jüdische Architekten hier rund 4’000 Bauwerke im Bauhaus-Stil. Dieser Dichte an ikonischen Bauten, die seit 2003 zum Unesco-Welterbe gehören, hat Tel Aviv den Beinamen Weisse Stadt zu verdanken. Im Juni 2018 widmete sich das Festival «White Night» dem Bauhaus. Im Jubiläumsjahr 2019 wird mit dem White City Center ein neues Besucherzentrum eröffnet. Grund genug, sich die Geschichte und Gegenwart genauer anzuschauen.

Tel Aviv ist der «Hügel des Frühlings». Es ist eine vergleichsweise junge Stadt. 1909 wurde sie als Vorort des verschlafenen Städtchens Jaffa gegründet, einer arabischen Hafenstadt. Die zionistisch geprägten Einwanderer wollten hier ihre städtischen Utopien verwirklichen. Der ländliche Gegenpart war das Kibbuz. In den Dreissigerjahren flohen immer mehr Juden aus Europa vor den Nazis nach Tel Aviv. Von 1931 bis 1938 stieg die Einwohnerzahl von 46’000 auf 150’000. Heute ist Tel Aviv eine von Start-up-Unternehmen und Urlaubern geprägte Mittelmeer-Metropole mit 438’000 Einwohnern. Nicht wenige junge Touristinnen und Touristen sehen in Tel Aviv die zentrale Location für angesagte Clubs und Partys.

Tel Aviv als Sehnsuchtsort
Zunächst war Tel Aviv ein sehr heterotoper Ort mit gegensätzlichen Räumen, die aber zunächst in einem gemeinsamen Rahmen agierten. Die frühen Bauten orientierten sich architektonisch zunächst an den Wohnstandards

ihrer arabischen Umgebung. Mit der steigenden Einwandererzahl und den hohen Ansprüchen der Einwanderer aus Europa erfüllten sie jedoch bald nicht mehr die dementsprechenden hygienischen und ästhetischen Ansprüche.

Mit dem Bauhausstil wurde Tel Aviv bald das Hauptziel der zionistischen Einwanderung – das erste städtisch gebaute Zeugnis des nationalen Aufbruchs des Zionismus. Der funktionale Neubeginn war in das Ideal einer Gartenstadt eingebunden. Viele der Architekten unter den Immigranten in den Dreissigerjahren waren mit der Moderne vertraut. In dieser Phase wurde Architektur charakteristisch für Tel Aviv, und die Stadt erhielt den Namen: die Weisse Stadt. Ze’ev Rechters Haus Engel am Rothschild Boulevard hat klare Bezüge auf Le Corbusier. Der optische Eindruck wird durch schwarze Linien in einer weissen Fläche geprägt. Die Fenster sind aus klimatischen Gründen tiefgelegt. Verschattende Balkone mit schwungvollen runden Ecken helfen dabei.

4’000 Häuser wurden in den Dreissigerjahren nach den Ideen des Modernismus, zum Beispiel des Dessauer Bauhauses, im Stadtzentrum Tel Avivs errichtet. Einwanderer wie Arieh Sharon, Ze’ev Rechter, Dov Karmi, Richard Kauffmann oder Genia Averbuch brachten die Lehren europäischer Avantgarde-Architekten wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Hannes Meyer, Erich Mendelsohn und Le Corbusier ans Mittelmeer. Kunst und Handwerk sollten eine Einheit bilden. Schluss mit Ornamenten – die Zeit der Sachlichkeit war gekommen. Die Form habe der Funktion zu folgen. Die Häuser sollten Licht und Luft hineinlassen und der Gesundheit dienen. Alles, was das Leben der Bewohner nicht verbessert, sollte weggelassen werden. Symmetrie zum Beispiel galt als überbewertet, denn Symmetrie sah vielleicht gut aus, nutzte einem aber sonst nicht viel. Funktionalität stand ganz oben auf der Agenda. Die Häuser sollten wie Maschinen wirken – mit klaren Formen und auf das Wesentliche reduziert. Das Uniforme passte ins Weltbild der Architektur-Erneuerer in Dessau und in Tel Aviv: Es ging ihnen um die Utopie eines neuen Zusammenlebens, bei dem alle gleichberechtigt sind und keiner mit seinem Besitz prahlt.

Zerklüftete Bruchlinien
Dem architektonisch geschulten Betrachter fällt zunächst die Weissenhofsiedlung in Stuttgart ein, bei der Parallelen erkennbar sind. Im Gegensatz zu den Ursprungsländern der Moderne, wo nur einige wenige Siedlungen und Gebäude entstanden, ist Tel Aviv die erste Stadt, die fast komplett im International Style des frühen 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Er hat Symbolcharakter, sowohl für die Entstehung eines jüdischen Staates als auch für Israels frühen Ausdruck vom Selbstverständnis einer Nation. Dieses schloss damals noch unterschiedlichste Kulturen mit ein, die sich an der Moderne begeisterten.

Heute ist davon in der israelischen Gesellschaft wenig zu spüren. Sie ist wild zerklüftet und ideologisch zerrissen. Unterschiedliche Fundamentalismen bearbeiten sich gegenseitig. Wer heute die abgeschotteten jüdischen Siedlungen auf arabischem Gebiet besucht, ist Welten von dem Aufbruchsgefühl der Moderne in den Dreissiger- und Vierzigerjahren entfernt. Hier sind leider historische Rückschritte zu konstatieren.

Tel Aviv gilt immer noch als eine unfertige Metropole, die vor allem an den Rändern wächst. Die Zersiedelung der Landschaft ist wie in anderen Metropolen ein zentrales Problem. Auch in Tel Aviv ist die Nachfrage nach billigem Wohnraum, wie in Zürich oder München, die zentrale soziale Herausforderung,. Die Stadt hat heute einschliesslich der angrenzenden Gemeinden 2,3 Millionen Einwohner, obwohl im Stadtkern nur um die 300’000 Menschen leben. Heute kommen die Zuwanderer aber in erster Linie aus Osteuropa.

Angesagte Sanierung
2003 hat die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, die Unesco, den Stadtkern von Tel Aviv mit dem Prädikat Weltkulturerbe gewürdigt. Seitdem trägt das Zentrum, eine Viertelstunde zu Fuss vom Meer entfernt, offiziell den Namen Weisse Stadt. Die Auszeichnung war aber auch als Mahnung gedacht, sich endlich um den Schatz zu kümmern. In den letzten Jahrzehnten ist auch sprichwörtlich der Putz abgebröckelt, und der salzhaltige Wind frisst an Stahl und Eisen. Ein Problem der Weissen Stadt ist, dass man sie ohne Expertenhilfe nicht sofort als solche erkennt. Tel Aviv ist nicht weiss – eher ockerfarben. Die Weisse Stadt ist auch kein einzelnes Viertel, in dem ausschliesslich Bauhaus-Bauten stehen. Zudem sind zwei Drittel der 4.000 Bauhaus-Gebäude noch immer renovierungsbedürftig. Es gibt Fenster, die aussehen, als würden sie Rost weinen. Kaputte Elektrokabel ranken sich an manchen Hauswänden wie Efeu. Um sich vor der Hitze zu schützen, haben viele ihre Balkone aus den Dreissigerjahren mit Lamellenjalousien aus Plastik zugebaut, man könnte auch sagen: verschandelt. Dazwischen finden sich strahlend renovierte Villen und Boutique-Hotels, schliesslich erlebt die Stadt einen Immobilienboom. Das Piepen rangierender Bagger ist ständig zu hören. Doch wer von Tel Aviv schwärmt, spricht wahrscheinlich trotzdem nicht von seiner Schönheit. Eher davon, wie lustig, hektisch, laut, herzlich und chaotisch es hier zugeht – die Partymetropole eben.

White Night Tel Aviv
«Layla Lavan» ist der melodische Name für eines der grössten Festivals in Tel Aviv und bedeutet wörtlich übersetzt «weisse Nacht». Mit dem Event zelebrierte die Stadt seit deren Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe das Bauhausviertel rund um den Rothschild Boulevard. Auch bei der diesjährigen «White Night» am 28. Juni waren wieder über 100 Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet zu bewundern: Konzerte, Theater und Partys auf den Strassen, Performances und Lesungen sowie besondere Angebote in Restaurants zogen durch die ganze Nacht hindurch Einheimische wie Touristen an. Viele Geschäfte, Museen und Galerien hatten bis zum Sonnenaufgang geöffnet. Für Besucher aus aller Welt besonders interessant waren und sind die kostenfreien Touren im Rahmen der «White Night». Tel Aviv feiert sich selbst ab.

Das White City Center
Ab 2019 ist das Liebling-Haus in der Idelson-Strasse die erste Anlaufstelle für Architekturfans: In dem 1936 von Tony und Max Liebling erbauten und vom Architekten Dov Karmi entworfenen Haus im internationalen Stil operiert künftig das White City Center (WCC). Die Institution wurde von der Stadtverwaltung Tel Aviv zusammen mit der deutschen Bundesregierung ins Leben gerufen, um das Bauhaus-Kulturerbe zu konservieren und zu fördern. Besucher finden hier künftig Informationen und Tour-Angebote zum Unesco-Welterbe Weisse Stadt. Ausserdem sind Ausstellungen, Lesungen und andere Kulturveranstaltungen geplant. Auch der Forschung und Weiterbildung rund um das Bauhaus wird sich das WCC widmen. Damit wird das neue Besucherzentrum zum offiziellen Bauhaus-Informationspunkt der Stadt.

 www.whitecitycenter.com