Heute leben etwa 50 Prozent der Weltbevölkerung in Grossstädten und urbanen Ballungsräumen. Der städtische Raum wird immer knapper und das Wohnen in Hochhäusern immer mehr zum Alltag. Die neuen Türme spiegeln innovative Entwicklungen im Hochhausbau. Eine ökologisch sinnvolle und nachhaltige Stadtentwicklungspolitik kann bei dieser Bauform zu einem lebenswerten Umfeld führen.

Das Wohnhochhaus «VIA 57 West» in New York gewinnt den Wettbewerb um das weltweit innovativste Hochhaus. Trotz verdichteter Bauweise und effizienter Raumnutzung ist ein Lebensraum entstanden, der in der Metropole New York City einzigartig ist. Architekt Bjarke Ingels (BIG – Bjarke Ingels Group) und Bauherr Douglas Durst (The Durst Organization) durften sich freuen. Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) widmet den Preisträgern und den Projekten, die in der inneren Auswahl standen, eine Ausstellung.

Die Jury des Internationalen Hochhaus Preises 2016 vergab eine besondere Anerkennung an das Housing & Development Board (HDB) von Singapur für seine Vorbildfunktion als öffentlicher Träger, der innovative, nachhaltige Hochhäuser für kommunale Wohnprojekte realisiert.

Aus zirka 1 500 Hochhäusern, die innerhalb der letzten zwei Jahre weltweit fertiggestellt wurden, hat das Deutsche Architekturmuseum (DAM) 30 herausragende Gebäude aus 14 Ländern nominiert. Eine internationale Expertenjury aus Architekten, Tragwerksplanern und Immobilien­spezialisten wählte daraus fünf Finalisten.

New York ganz vorn
Im Westen vom Hudson River durch eine mehrspurige Autobahn abgetrennt, im Norden ein historistisch verkleidetes Elektrizitätswerk, im Süden lärmt und riecht ein neu gebautes Müllsortierzentrum, und im Osten thront ein gewöhnlicher, blau verglaster, 130 Meter hoher Wohnturm, dessen Sicht auf den Hudson River möglichst nicht gestört werden durfte – das waren die uncharmanten Rahmenbedingungen für das Projekt in dem sehr gemischten Viertel Hell’s Kitchen. Dem begegneten BIG – Bjarke Ingels Group mit dem innovativen Konzept eines «Court­scrapers». Abgewandt von der nordöstlichen Bebauung orientiert sich der Hybrid aus amerikanischem Hochhaus und europäischer Blockrandbebauung zu einem begrünten Innenhof. In der Dachfläche integrierte Terrassen gewähren geschützte Aussichten auf den Hudson River im Westen. Fast alle der 709 Wohnungen geniessen den Fluss- und Sonnenuntergangsblick – was bei einer normalen Blockbebauung geome­trisch unmöglich gewesen wäre. Dieser skulpturale Prototyp bietet somit eine ­ruhige, geschützte Oase in der lauten Grossstadt, ohne sich dabei vor ihr zu verschliessen. Gestalterisch wie typologisch haben BIG-Architekten mit diesem Bau grossartige Neuerungen erschaffen.

Die übrigen vier Finalisten sind:

  • Four World Trade Center (New York / USA) von Maki & Associates, Tokio / Japan
  • 432 Park Avenue (New York/USA) von Viñoly, New York / USA
  • Sky Habitat (Singapur) von Safdie Architects, Boston / USA
  • SkyVille@Dawson (Singapur) von WOHA Architects, Singapur

Four World Trade Center, New York
Am südöstlichen Rand des Ground Zero steht die minimalistische Gebäudeskulptur des japanischen Pritzker-Preisträgers Fumihiko Maki. Der Büroturm ist Teil des Masterplans zum Wiederaufbau des World-Trade-Center-Areals von Daniel Libeskind. Dem emotional aufgeladenen Ort wird durch die leise Präsenz des Gebäudes sensibel entsprochen. Das Gebäude besticht äusserlich durch seine einzigartige Vorhangfassade aus farblosem Spiegelglas. Die einheitlichen rechteckigen Scheiben spiegeln nahezu perfekt die umliegende Bebauung und mit wachsender Höhe den Himmel. Dabei verändert sich das Bild dynamisch je nach Tageszeit, Licht und Wetter. Aus der Ferne ist das scharfkantige Gebäude nur bei genauerem Hinsehen in der Skyline zu erkennen. Auch in den umliegenden Strassen ist es schwierig, das wahre Volumen des Gebäudes zu begreifen. Es erzeugt viel mehr ein Gefühl, als dass es selbst optisch wirkt.

Architekten: Maki & Associates, Tokio / Japan
Bauherr: Silverstein Properties
Funktion: Büros, Einzelhandel
Höhe: 298 m
Fertigstellung: November 2013
Standort: New York NY / USA

432 Park Avenue, New York
In dichten Ballungszentren wie New York ist Bauland, insbesondere in exponierten Lagen, chronisch knapp, und die Grundstückspreise sind horrend. Es wächst der Druck, immer höhere Gebäude auf immer kleineren Grundstücken zu bauen. Mit 432 Park Avenue verfügt New York nun bereits über den siebten Turm mit über 300 Metern Höhe.

Neue Ingenieurstechniken zum Abtragen von Windlasten ermöglichen dabei die ungewöhnlich schlanken Proportionen im Verhältnis 1:15 zwischen Breite und Höhe. Bereits 2012 und 2014 waren die sehr schlanken New Yorker Bauten One Madison Park und One57 unter den Nominierten des Internationalen Hochhaus Preises. Doch erst das gleichmässige Fassadenraster gepaart mit der enormen Höhe machen 432 Park Avenue zu Prototyp und Sinnbild der Superslims.

Das Hochhaus überragt seine Umgebung sehr deutlich und sticht trotz seiner zurückhaltenden Gestaltung unter der übrigen Architektur hervor.

Architekten: Viñoly, New York NY / USA
Bauherr: CIM Group, Macklowe Properties
Funktion: Wohnen
Höhe: 426 m
Fertigstellung: April 2016
Standort: New York NY / USA

Sky Habitat, Singapur
Seit seinem einzigartigen Erfolg mit Habitat’67 vor fast 50 Jahren entwickelt Moshe Safdie experimentelle Wohnkonzepte, bei denen er verschiedene Hochhausformen mit urbanen Gärten und Terrassen kombiniert. Die beiden Treppentürme mit insgesamt 509 Einheiten sind durch drei begrünte und 30 Meter lange sky bridges (Himmelsgärten) miteinander verbunden. Diese Ausrichtung ermöglicht kühlende Frischluftströme durch das gesamte Gebäude, ein Maximum an Tageslicht und die Anordnung umfangreicher Freizeitanlagen am Boden. Alle Wohnungen verfügen über flexible Grundrisse und mindestens einen privaten Balkon. Ähnlich wie bei Safdies legendärem Marina Bay Sands, Singapur, befindet sich auf der obersten Ebene ein grosser Swimmingpool. Durch die Höhenverlagerung von Gärten, Terrassen und Wegen wird den Bewohnern das Gefühl eines vertikalen und grünen Dorfs vermittelt. Diese Verknüpfung der Architektur mit der Umgebung sowie der Stadt erachtet Safdie als unumgänglich bei der heute notwendigen städtischen Verdichtung.

Architekten: Safdie Architects, Somerville / USA
Bauherr: CapitaLand Limited, Mitsubishi Estate Asia Pte. Ltd. and Shimizu Investment (Asia) Pte. Ltd
Funktion: Wohnen
Höhe: 133 m
Fertigstellung: April 2015
Standort: Singapur

SkyVille@Dawson, Singapur
Seit den 1960er-Jahren ersetzen aufgrund des rasanten Bevölkerungsanstiegs Hochhäuser des sozialen Wohnungsbaus die niedrige traditionelle Bebauung namens Kampong (malaysisch für Dorf). Für WOHA ist der Gedanke des Kampong und damit die Wahrung des Gemeinschaftsgefühls im sozialen Wohnungsbau essenziell wichtig. Dem widerstrebt die bisherige Form des (Wohn-)Hochhauses mit komprimierten ­Verkehrsflächen im Kern. WOHA hingegen legt die Verkehrsflächen bewusst nach aussen und schafft so Zonen für den informellen Austausch. Weitere Gemeinschaftsflächen und -räume befinden sich für jedermann zugänglich im umliegenden Park und auf dem Dach des Gebäudes. Einkaufsmög­lichkeiten, Sport- und Spielplätze sowie ein Café komplettieren das Angebot. Da 960 Wohneinheiten für eine funktionierende Gemeinschaft zu viel sind, gliedert sich der Baukörper in zwölf sky villages mit jeweils 80 Wohnungen als Block von elf Geschossen. Diese vertikalen Kampongs teilen sich einen gemeinsamen sky garden, der überdacht und natürlich durchlüftet ist.

Architekten: WOHA Architects, Singapur
Bauherr: Housing and Development Board Singapore
Funktion: Wohnen
Höhe: 148 m
Fertigstellung: Dezember 2015
Standort: Singapur

DIE AUSSTELLUNG
The International Highrise Award – ­Internationaler Hochhaus Preis 2016. Eine Ausstellung im DeutschenArchitek­turmuseum in Frankfurt am Main (D).

Die Ausstellung präsentiert nicht nur den Preisträger und die Finalisten, sondern alle 30 nominierten Projekte.

4. November 2016 – 15. Januar 2017

Weitere Informationen:
www.dam-online.de