K118, Winterthur, baubüro in situ.

Das zunehmende Bewusstsein der Endlichkeit von Material- und Energieressourcen im Kontext der Herausforderungen des Klimawandels stellt auch das Bauwesen vor neue Fragestellungen und Aufgaben.

Studien weisen nach, dass allein die Bauindustrie für 40 Prozent unserer Abfallproduktion, für 40 Prozent des Verbrauchs von Primärenergieressourcen und für 40 Prozent der CO2-Emissionen weltweit verantwortlich ist. Insbesondere das schnelle Wachstum der Städte trägt zu diesem Phänomen bei. Nach den Berechnungen der Vereinten Nationen leben heute etwa 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Bis 2050 werden es etwa 68 Prozent sein – das sind circa 6.34 Milliarden Menschen. Man kann sich vorstellen, welch enorme Herausforderung das für den Ressourcenverbrauch im Bauwesen bezüglich neuer Gebäude und der benötigten Infrastruktur bedeutet.

VON LINEAR ZU ZIRKULAR
Momentan funktioniert unser Wirtschaftssystem vorwiegend «linear»: Rohstoffe werden abgebaut, verwendet und zu Bestand oder – am Ende der Verbrauchskette – zu Abfall. Doch schon seit Langem fordern WissenschaftlerInnen, ForscherInnen und ExpertInnen ein Umdenken hin zur «Circular Economy» – also zu einem Kreislauf der Rohstoffe, die nach Verbrauch wiederverwendet werden können. Gerade in Städten kann durch die gegebene Dichte von vorhandenen Ressourcen mit dem sogenannten «Urban Mining» oder «Harvesting» ein wertvoller Wertschöpfungskreislauf entstehen, der sowohl neue Geschäftsmodelle fördert als auch eine nachhaltige und klimaschonende Wirtschaft ermöglicht. Zur aktiven Umsetzung sind dafür zunächst neue gesetzliche Rahmenbedingungen erforderlich, die die Kreislaufwirtschaft fördern und zum Beispiel die wichtigen Gewährleistungsfragen regeln.

KREISLAUFWIRTSCHAFT UND KLIMAZIELE
Materialkreisläufe von Baumaterialien waren in der Baugeschichte eine weitverbreitete Praxis. Das liegt insbesondere an der Robustheit der damals verwendeten Materialien, die bis vor 200 Jahren vor allem aus Stein, Holz, Kalk und Lehm sowie Pflanzenfasern hergestellt wurden. Die natürlichen Baustoffe wurden entweder erneut verwendet oder gingen durch Verfall wieder in den natürlichen Stoffkreislauf zurück. Heutige Baumaterialien sind komplex, oft durch mehrschichtige Komponenten aufgebaut und mit unterschiedlichen Bestandteilen und Beschichtungen, zum Beispiel aus Kunststoffen, versehen. Daher sind sie häufig schwierig wiederzuverwenden und enden nach Abbruch oft als Abfall auf einer Sondermülldeponie.

Die Vereinten Nationen haben bereits im Jahr 2016 die «Sustainable Development Goals» beschlossen, die unter anderem den Einstieg in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft und eine nachhaltige Stadtentwicklung fordern. Am 16. September 2020 räumte die Kommissionspräsidentin der Europäischen Union Ursula von der Leyen der «Circular Economy» daher oberste Priorität ein, um die Klimaziele bis 2050 erreichen zu können: «Die Kreislaufwirtschaft,
einschliesslich neuer Abfall- und Recyclinggesetze, wird die Hälfte der Bemühungen der EU ausmachen, bis 2050 Netto-Null-Kohlenstoffemissionen zu erreichen». Die Ausstellung im Haus der Architektur (HDA) stellt Studien und praktische Beispiele von Architekturen, Umnutzungen und Systemkreisläufen vor, die durch ihre hohe gestalterische Qualität sowie durch ihre beeindruckende Genese aus wiederverwendeten Materialressourcen überzeugen. Projekt und Ausstellung wurden kuratiert vom HDA.

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