Definition eines Begriffs: Megatrend.

Am Online-Event des Bausinn-Awards hielt Georges T. Roos, Zukunftsforscher aus der Schweiz, einen Vortrag. Im Mittelpunkt standen dabei die Megatrends, die die Lebens- und Arbeitswelten auch in der Baubranche in den nächsten Jahrzehnten bewegen werden.

Kennen Sie die Zukunft? Wissen Sie, wie sich Ihr Geschäftsumfeld in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verändern wird? Die Zukunft ist in vielem eine Unbekannte. Doch gibt es Aspekte, die wir kennen können: die sogenannten
Megatrends. Es gibt Trends und es gibt Megatrends.

Von Trends wie beispielsweise veganer Ernährung unterscheiden sich Megatrends darin, dass sie übergeordnete Entwicklungen darstellen. Megatrends beschreiben erstens die Rahmenbedingungen der Zukunft. Megatrends sind zweitens oft mit den grossen Herausforderungen unserer Welt verbunden und drittens sind Megatrends jener Teil der Zukunft, den wir mit einer gewissen Sicherheit vorhersagen können.

Damit die Zukunftsforschung von einem Megatrend spricht, müssen drei Kriterien erfüllt sein: Erstens dauern Megatrends lange an, im Unterschied zu Trends und Moden, die sehr kurzfristig sein können. Ich nenne das epochal. Lange bedeutet in der Zukunftsforschung 10, 20, 30 Jahre. Zweites Kriterium: Megatrends sind globale Phänomene. Und drittens sind Megatrends ubiquitär, das heisst, sie beeinflussen alles: die Kultur, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik. In der Wirtschaft: alle Branchen. Ja, Megatrends sind auch relevant für unser privates Leben. Jeder von uns könnte Megatrends auch dahingehend befragen, was sie denn für mich und meine Familie bedeuten.

DIGITALISIERUNG UND WISSEN
Ich selbst beschreibe 16 Megatrends. Dazu gehört, dass die globale Weltbevölkerung wächst. Dass wir älter werden. Dass wir immer mehr in Städten leben. Dass die Individualisierung weiter voranschreitet. Gesundheit ist ein Megatrend. Die Nomadisierung, das heisst, dass wir immer mehr unterwegs sind, ist ein Megatrend. Die Beschleunigung, dann die Klima- und Ökologiefrage sind Megatrends, die Digitalisierung, die Konnektivität, die Globalisierung und die Wissensexpansion. Auch Transparenz ist ein Megatrend. Neben diesen 13 Megatrends gibt es drei, von denen ich sage, dass sie embryonale Megatrends sind, die erst noch in den Status des Megatrends kommen. Dazu gehören die künstliche Intelligenz, Blockchain – ich nenne es Trusted Networking – und die Bio-Transformation.

Mit dem Megatrend Digitalisierung beschäftigen wir uns alle. Die digitale Transformation findet auf drei Ebenen statt. Wir haben die digitale Transformation der Kommunikation. Darin sind wir alle sehr geübt, das machen wir tagtäglich. Dann gibt es die Digitalisierung der Prozesse in den Unternehmen oder auf den Ämtern. Und das Dritte wird die digitale Transformation der Geschäftsmodelle selbst sein – Geschäftsmodelle, die erst möglich werden durch die Digitalisierung.

Ein weiterer Megatrend ist die Wissensexpansion. Wir können das historisch betrachten: 1820 konnten nur gerade zwölf Prozent der Menschen lesen und schreiben. 2020 waren es über 90 Prozent. In der Schweiz wird bald mehr als die Hälfte der Erwerbsbevölkerung einen tertiären Abschluss haben. Mehr Wissen bedeutet Innovation. Auch die Schweiz nimmt hier einen Spitzenplatz ein. Die Schweiz war erneut Weltmeisterin in der Anzahl der Patente pro Kopf und gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind die Forschungs- und                      Entwicklungsausgaben in der Schweiz fast am höchsten weltweit, nur Südkorea gibt mehr für Forschung und Entwicklung aus.

Megatrends stehen nicht erratisch nebeneinander, sondern sie sind miteinander verknüpft, beispielsweise Wissen und Digitalisierung. Dank der Digitalisierung sind neue Lernformen, neue Lernsettings möglich, beispielsweise mit Augmented Reality oder auch Virtual Reality. Und nicht zuletzt bietet das Internet jedem von uns Zugang zu ungeheurem Wissen auf der ganzen Welt. Das Wachstum der Weltbevölkerung ist ein weiterer Megatrend. Das stimmt auch für die Schweiz. Im Jahre 2040, so sagen die Szenarien des Bundesamtes für Statistik, werden wir zehn Millionen Einwohner haben. Die Schweiz wächst vor allem wegen des positiven Migrationssaldos. Wir sind heute etwa 7.8 Milliarden Menschen und die UNO geht davon aus, dass in den nächsten 30 Jahren bis Mitte des Jahrhunderts nochmals zwei Milliarden Menschen dazukommen werden.

MEHR WACHSTUM UND MEHR HÄUSER
Sehr spannend ist zu sehen, dass das Wachstum nicht überall gleich stattfinden wird. Wir in Europa leben auf dem einzigen Kontinent, von dem man ausgeht, dass er in den nächsten 30 Jahren bevölkerungsmässig schrumpfen wird. Asien wird weiterwachsen, wenn auch langsamer als bisher, und auch die Einwohnerzahl Amerikas wird weiterwachsen. Das grosse Wachstum aber findet in Afrika statt. Wenn wir das mit den prozentualen Veränderungen von 2018 bis 2050 betrachten, dann sehen wir einen Zuwachs in Afrika von fast 100 Prozent.

Wachsende Bevölkerung bedeutet für die Bauwirtschaft beispielsweise wachsende Nachfrage: Mehr Menschen brauchen mehr Wohnungen, mehr Häuser, mehr Infrastruktur.

Das Wachstum wird allerdings vor allem in den städtischen Gebieten stattfinden, das ist der Megatrend der Urbanisierung. Das heisst also, dass der Fokus stark auf den städtischen Gebieten zu liegen kommen wird.

Die Welt wächst nicht nur, sondern sie wird auch älter. In der Schweiz geht man davon aus, dass in 20 Jahren jeder Vierte über 65 Jahre alt sein wird. Und die Anzahl der Menschen über 80 wird sich in diesem Zeitraum verdoppeln. Wir sind also eine alternde Gesellschaft. Spannend zu sehen ist, dass die alternde Gesellschaft ein globaler Megatrend ist. Überall, ausser in Afrika, ist 60 plus die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe überhaupt.

Für die Bauwirtschaft bedeutet eine ältere Bevölkerung zum einen, dass sie wahrscheinlich im Durchschnitt ältere Mitarbeiter haben wird. Ich gehe auch davon aus, dass das AHV-Alter 64 für Frauen bzw. 65 für Männer in den nächsten 30 Jahren angehoben wird, und nicht zuletzt wird die Nachfrage
nach Wohnraum für eine ältere Bevölkerung deutlich ansteigen.

KLIMA IM FOKUS
Der Klimawandel wird uns über die nächsten Jahrzehnte sehr stark beschäftigen. Die Schweiz ist bisher sehr deutlich vom Klimawandel betroffen gewesen. Im Vergleich zur vorigen Zeit ist der Temperaturanstieg in der Schweiz doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. Die Folgen dürften sein, dass wir sehr viel mehr Hitzetage haben werden, dass wir extremeres Wetter haben werden, dass wir einen Anstieg der Schneefallgrenze erleben werden. Besonders herausgefordert sind wiederum die städtischen Gebiete, wo die meisten Menschen leben. Das Mikroklima spielt eine grosse Rolle und hier besteht auch eine grosse Herausforderung und Verantwortung für die Bauwirtschaft.

Zwei Studien aus dem nationalen Forschungsprogramm haben ergeben, dass die Klimaneutralität technisch machbar ist und auch wirtschaftlich sein kann. Verschiedene Länder und Städte gehen bereits heute noch ein paar Schritte weiter und verbieten beispielsweise vollständig benzin- und dieselbetriebene Fahrzeuge in ihrem Einflussgebiet. Und was sind die Schlussfolgerungen für Sie, für die Baubranche? Nun, natürlich auch Ihre Fahrzeuge werden elektrobetrieben oder vielleicht mit Wasserstoff betrieben sein. Sehr viel wichtiger ist aber der Beitrag, den Gebäude zum Abbau der Treibhausgas Emissionen leisten müssen. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ VOR DER TÜR
Besonders spannend sind die neu aufkommenden Megatrends. Ich nenne sie auch die Emerging-Megatrends, weil sie noch nicht alle Kriterien erfüllen. Dazu zähle ich die Bio-Transformation, die Fähigkeit, der Biologie ein Upgrade zu verpassen. Ausserdem Blockchain, bei der es darum geht, Vertrauen automatisieren zu können, und an dritter Stelle die künstliche Intelligenz.

Künstliche Intelligenz ist Teil der sogenannten vierten industriellen Revolution. Wir werden immer mehr Systeme haben, durch die Maschinenteile mit dem Werkstück reden können, durch die das fertige Objekt, zum Beispiel ein Aufzug, mit den Monteuren sprechen und diese darauf aufmerksam machen kann, dass der Lift bald einmal kaputtgehen oder steckenbleiben könnte und man doch die Reparatur ausführen sollte, bevor dies dann eintrifft.

Was bedeutet künstliche Intelligenz, dieser Emerging-Megatrend, für die Bauwirtschaft? Nun, ich glaube, es ist offensichtlich, dass Building Information Modeling (BIM) nur die Vorstufe ist. Künstliche Intelligenz wird auch in der Baubranche die Prozesse deutlich verändern und vereinfachen. Und nicht zuletzt werden Roboter auf die Baustelle kommen und gewisse Arbeiten ausführen
können.

Sind wir für diese Zukunft gewappnet? Schaffen wir das? Nun, warum sollten wir es nicht schaffen? Die menschliche Gattung ist ausgestattet mit drei wunderbaren Eigenschaften. Der Mensch ist kreativ, der Mensch ist intelligent und der Mensch ist anpassungsfähig. Wenn wir Kreativität mit Intelligenz multiplizieren, dann haben wir Technologie. Und Anpassungsfähigkeit heisst, dass wir agil und beweglich sind. Ich denke, dass wir mit diesen Eigenschaften auch die Herausforderungen der Zukunft meistern werden.

Georges T. Roos
gilt als führender Zukunftsforscher der Schweiz.

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